Leseprobe

Auszug Kapitel 1 – Das Wagnis

 

Ein weißer Hauch zog sich durch die klirrende Kälte des hereinbrechenden Winters, umspielte die erwachte Nacht und zog die Anwesenheit frisch Verliebter, mit seiner eiskalten Schönheit magisch an.

«Es ist ein schöner Abend.» flüsterte ein hochgewachsener Mann mit blondem Haar und schmeichelnder Stimme.

In seinen Armen hielt er eine ebenso junge Frau, eng umschlungen und wärmend. Umgeben vom Schimmer der Romantik spazierten sie unter den gefrierenden Bäumen entlang und versprachen sich wortlos sich nie voneinander zu trennen.

Unweit der Liebenden erschien ein weißer Hauch in der klaren Winterwelt. Wieder und wieder zog sich Alexis´ heißer Atem in die erschlagend eisige Luft dieses unscheinbaren Parks, mit seinen hölzernen Bänken und dem ruhenden Fluss in seinem Herzen. Langsam hob sie ihre vor Kälte erschöpften Füße. Kein Schuh, keine Socke bedeckte und schützte sie vor der Witterung. Die Sekunden verstrichen und Lexi verweilte in ihrer Haltung, wie ein Neugeborenes in den Armen ihrer Mutter. Ihre Haut verlor an Farbe und Lebendigkeit, als entzöge ihr die Umgebung jeglichen Lebenswillen. Ihre ohnehin untypisch helle Haut einer gebürtigen Arizonarin erbleichte und näherte sich dem farblichen Beispiel einer hell strahlenden Porzellanfigur. Jedes Farbpigment entschwand aus ihren, zuvor vor Kälte erröteten Zehen, während sie die eisige Brüstung einer Brücke erreichte. Erhaben zeigte sich die Brücke als Prunkstück des Parks mit feinen Verzierungen und aus dem härtesten Stein gebaut, um die Kälte des Winters und die milde Wärme des Sommers zu überstehen. Doch Lexi erkannte ihre Schönheit nicht. Mit schwebender Bewegung erhob sie ihren Körper, setzte beide Füße fest auf die felsige Brüstung und spürte die allesverzehrende Kälte unter sich.

Unerschrocken sog sie die eiskalte Nachtluft in ihre schmerzende Lunge. Jeden kleinen Stich, den der klirrende Winter ihrer feuerwarmen Lunge bereitete, wollte sie spüren. Sie genoss den Schmerz, den sie so liebte und erlebte ihn mit wohltuender Genugtuung. Ihre Brust erhob und senkte sich im Takt des nächtlichen Windes, stoppte bei einer unerbittlichen Prise und setzte sich im Augenblick seines Davonziehens wieder in Gang. Ihre Augenlider für den Bruchteil einer Minute geschlossen, wandte sie ihre nun geöffneten und wachen Augen die Brücke hinunter.

Die Tiefe unwesentlich, war es der, zu frieren beginnende Fluss, welcher ihr Unbehagen bereitete. Zu oft hatte sie das Gewässer in der Gefangenschaft des Eises gesehen, dessen Antlitz stets von der wogenden Kälte des Winters umspielt und erbarmungslos gefangen gehalten wurde. Dennoch fühlte sie kein Mitleid. Unzählige Male hatte sie am eigenen Leib erfahren, wie unerbittlich sich die Welt um sie herum veränderte und ihr keine Handhabe für eine Entscheidung bot. Ihr Blick blieb starr und ihre Gedanken wirbelten umher. Konnte sie es wagen ? Sollte ihr Vorhaben gelingen ? Würde eintreffen was sie sich erhoffte ? Ein Windstoß unterbrach ihre Gedanken und ließ ihre kurzen Schlafshorts wedeln.

Die Kälte der Nacht spürte sie kaum mehr, obwohl sich ihr enganliegendes Top, an ihrem bibbernden Körper anschmiegte. Um sie herum ein winterlicher Park. – Kein einziges Blatt verweilte an den Bäumen. Vom Winter dahingenommen jede sommerliche Blüte, jeder frühlingsgrüne Grashalm und jedes herbstlich rote Blatt. Zurück blieb eine in weiß getauchte Welt. Harmlos, friedvoll und kein Wässerchen trübend, zeigte sie was die wahre Welt nicht bot.

Ein Glitzern überzog die abgedeckten Wiesen. Der Vollmond genoss es, die wahre Pracht einer solchen Nacht hervorzuheben, wie sie sich über den gesamten Winter zogen und freute sich auf die kommenden Monate. Neben von Schnee eingehüllten Wiesen und frostbedeckten Zweigen erstrahlten ebenso die kleinsten Eiskristalle, wie sie sich in ihren zarten Atemzügen bildeten. Die heiße Luft aus ihren Lungen blieb Zug für Zug sichtbar und verschwand in der Dauer eines Wimpernschlages. Sie spürte es plötzlich, mit der Schnelligkeit eines Schlages. In ihr regte sich die Angst zu lange hier zu verweilen. Gezielt warf sie ihre Sicht in die Tiefe. Die Ränder des Flusses begannen zu gefrieren. Immer wieder gelangten ihre Augen an die zufrierenden Gebiete und ein zartes Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Die Furcht vor der Kälte von sich geschoben, lächelte sie mit unaussprechlicher Genugtuung und dem Hass der Verrückten.

Mit Fasern, gesplittertem Glas ähnlich, begann die Kälte den Fluss zu unterwerfen. Sie liebte plötzlich den Einbruch des Winters, die klare kalte Luft und die unmissverständliche Macht, die er mit sich brachte. Niemand konnte sich gegen ihn wehren, ihn unterdrücken oder gar ignorieren. Mit seinem einnehmenden, zielstrebigen und beharrlichen Auftreten, forderte er alles in seiner Nähe auf sich zu unterwerfen. Mit wilder Entschlossenheit in ihren Gliedern, setzte sie ihre Beine direkt nebeneinander, als mache sie sich für den Sprung ins Wasser bereit. Ihre Oberschenkel einander berührend, wurde ihr bewusst wie sehr ihr Körper unter der Kälte litt. Die Berührungen vor einigen Augenblicken wie Nadelstiche auf ihren Schenkeln gespürt, lag nun kein Gefühl mehr in ihnen. Die Zeit rann ihr davon.

«Wenn nicht jetzt, wann dann ?» sprach sie zu sich selbst im flüsternden Ton.

Ihren Fuß erhoben, bewegte sie ihn über den erstarrenden Fluss. Ihre Augenlider schlossen sich und versetzten sie in angenehme Stille. Sie blieb weit abgeschnitten von der äußeren Welt. Ihr Handeln für sie so unwirklich, konnte sie sich bei diesem Schritt nicht beobachten. Sie konnte – Sie wollte es nicht sehen, nicht wahrhaben. Ihr zweites Bein von der Brüstung gelöst, trat sie in den freien Fall und die klirrende Kälte der Nacht.

 

Mit einem gewaltigen Schellen, riss sie der kleine viereckige Wecker auf ihrer Kommode aus dem Schlaf. Die Sonne begrüßte den neuen Tag, bahnte sich einen kleinen Weg durch zwei schmale Schlitze der Fensterrollos und erhellte den Raum in seinen schönsten Gelbtönen. Ein chaotisches Zimmer mit kaum zu findendem Bett erleuchtete, in den Strahlen der Sonne Arizonas.

 

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